Lukas Fingerle: Morbus Crohn

Lukas Fingerle ist 27 Jahre alt, und vor elf Jahren wurde bei ihm Morbus Crohn diagnostiziert. Nach acht erfolglosen Jahren mit einer Vielzahl an Medikamenten stellte er vor drei Jahren seine Ernährung radikal um. Seitdem kommt er die meiste Zeit ohne Medikamente aus und fühlt sich fitter und gesünder als jemals zuvor. Mit Crohn Revolution will er Menschen dazu ermutigen, die Auswirkungen von Ernährung, Entspannung und Sport auf ihre Krankheit zu ergründen und ihr Wohlergehen selbst in die Hand zu nehmen.

Hier der Erfahrungsbericht von Lukas:

Es muss 2005 gewesen sein. Irgendwann im Frühjahr. Ich kam gerade von der Schule nach Hause, als meine Mutter mich stoppte. Sie wolle mit mir reden. Die Ergebnisse meiner Darmspiegelung seien da. Es sei Morbus Crohn, hätte die Ärztin am Telefon gesagt. „Aha“, sagte ich, ging auf mein Zimmer und machte mit meinem Tag weiter wie zuvor. Ich kann mich nicht erinnern, überwältigt, geschockt oder sonst wie betroffen von der Diagnose zu sein. Um ehrlich zu sein wusste ich glaube ich noch nicht einmal, was Morbus Crohn eigentlich ist. Oder wollte es in dem Moment gar nicht genau wissen.

Der Darmspiegelung voraus gegangen war fast ein Jahr an schmerzhaften Bauchkrämpfen, Müdigkeit, nie enden wollendem Durchfall und täglich unzähligen Toilettengängen. Bis zu diesem Tag hatte mir niemand sagen können, was es sein könnte, das diese konstanten Schmerzen auslöst. In gewisser Weise war ich daher glaube ich einfach froh, dem ganzen einen Namen geben zu können.

Natürlich blieb ich nicht in meiner naiven Welt, sondern setze mich mit der Zeit durchaus damit auseinander, was ich da eigentlich habe. Im ersten Moment unterschätzte ich wahrscheinlich, wie es mein Leben bestimmen würde.

Die Therapie begann mit einer Kortison-Kur, die es in sich hatte. Über fünf Monate lang wollte mein damaliger Arzt auf diesem Wege die Entzündung in meinem Darm in den Griff bekommen. Ich bekam die volle Ladung an Nebenwirkungen ab: Chronische Müdigkeit, Hautprobleme, Flüssigkeitseinlagerungen, Gliederschmerzen. Dass ich unter den Nebenwirkungen mehr litt als in den Monaten davor unter der Krankheit selbst, schien meinen Arzt nicht zu interessieren. Meine Blutwerte waren das, worauf er achtete. So lief ich also mit gerade 16 Jahren wie ein Luftballon mit Mondgesicht und Akne durch die Schule. In dem Alter führte das dazu, dass ich mich viel zurückzog,versuchte, aus Fotos zu springen bevor der Auslöser gedrückt wurde und überhaupt wenn möglich einfach nicht aufzufallen.

Es folgten Jahre des Ausprobierens. Ich hangelte mich von Medikament zu Medikament.

Es folgten Jahre des Ausprobierens. Ich hangelte mich von Medikament zu Medikament. In den meisten Fällen bekam ich die volle Ladung an Nebenwirkungen ab. Andere Medikamente griffen gar nicht erst und brachten keinerlei Besserung. Auf wieder andere reagierte mein Körper, fühlte sich gut an… ich würde fast sagen: normal. Bis mein Körper auf die Medikamente mit einem allergischen Schock antwortete und sie somit als Dauerlösung flach fielen.

Es ging so weit, dass mein Arzt und ich im Jahr 2010 einen Punkt erreicht hatte, an welchem wir die komplette Palette an zu dieser Zeit verfügbaren Medikamenten ausgeschöpft hatten. Weder mein Arzt noch ich wussten wirklich weiter. Wenn es nötig wurde, nahm ich einige Wochen Kortison als Stosstherapie. Eine andere Möglichkeit blieb uns nicht.

Ende 2012 stiess ich über den Blog Post eines anderen Crohn-Patienten, welcher über seine Erfahrungen mit einer Ernährungsumstellung berichtete. Er beschrieb die „Specific Carbohydrate Diet“ (SCD), eine Ernährung, welche in den frühen 80ern extra für Menschen mit Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa oder Zöliakie entwickelt wurde. Wie konnte es sein, dass ich in meinen acht Jahren mit der Krankheit noch nie von dieser Ernährung gehört hatte?

Seine Krankheitsgeschichte erinnerte mich sehr an meine eigene und seine Erfolge mit der Ernährung hörten sich zu gut an, um wahr zu sein. Ich wäre dumm, es nicht auszuprobieren, beschloss ich. Gerade weil ich mich zu dem Zeitpunkt wieder in einem leichten Schub befand.

Ich begann mit der Umstellung, genau wie sie beschrieben wurde. Ich startete mit einer Art Auslassdiät und verzichtete im Anschluss auf jegliche komplexen Kohlenhydrate. Der Theorie nach werden diese durch die Entzündung der Darmwand bei Crohn-Patienten nicht richtig aufgespalten. Demnach scheitert der Darm, diese aufzunehmen, so dass sie stattdessen als Futter für Bakterien enden, welche die Entzündung nur weiter intensivieren. Ein Teufelskreislauf sozusagen.

Kein Brot also, keine Nudeln, keine Kartoffeln, kein Zucker, kein Reis, keine Milchprodukte. Stattdessen blieben Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Eier und zu einem späteren Zeitpunkt in der Umstellung auch Nüsse. Für einen Studenten, der sich so ernährte, wie es der typische Student eben tut, eine ziemlich heftige Umstellung. “Aber es muss ja nicht auf Dauer sein”, dachte ich mir. “Probiere es mal sechs Wochen aus und dann siehst du weiter.”

Es dauert eine Woche, bis ich erste Tage hatte, an denen ich mich wirklich gut fühlte.

Es dauert eine Woche, bis ich erste Tage hatte, an denen ich mich wirklich gut fühlte. Zwei Wochen ohne Durchfall – ein Ereignis, dessen Häufigkeit ich in den acht Jahren zuvor an einer Hand abzählen konnte. Nach einem Monat fühlte ich, dass ich allgemein fitter war, weniger müde, besser gelaunt. Nach sechs Wochen entschied ich, zunächst einmal dabei zu bleiben. Ich war neugierig, wie es weitergehen würde.

Exakt drei Monate nach Start hatte ich meinen ersten Bluttest. Mangels eigener Alternativen hatte mich mein Arzt mal machen lassen. Ich glaube jedoch, er hatte nicht sonderlich viele Hoffnungen, dass es tatsächlich eine Besserung hervorrufen würde.

Bis er meine Werte sah. Mein Entzüdungsmarker hatte in den Jahren zuvor immer irgendwo auf einem Level von 30 bis 80 gelegen. Der Normwert eines gesunden Menschen liegt bei maximal 5. In den drei Monaten meiner Ernährungsumstellung war dieser Wert bei mir nun von 49 auf 9,8 gesunken.

Einen Wert wie diesen hatte kein einziges Medikament bei mir jemals erreicht.

Einen Wert wie diesen hatte kein einziges Medikament bei mir jemals erreicht. Keine fünf Monate Kortison, keine monatlich tausende Euro teure Antikörpertherapie. Aber drei Monate ohne das tägliche Einwerfen von Pillen, nur mit einem geänderten Speiseplan – die hatten es geschafft!

Dieser Tag ist nun über drei Jahre her. Auch wenn inzwischen neue Medikamente auf dem Markt sind, basiert meine Therapie immer noch rein auf der passenden Ernährung. Ich bin nicht geheilt, aber ich fühle mich gesund. Wenn Stress mich hin und wieder aus der Bahn wirft und einen leichten Schub auslöst, greife ich noch für ein paar Wochen auf Kortison zurück. Doch diese Situationen sind viel seltener als früher und die Schübe leichter. Ich bin dann nicht mehr wochenlang ausgeknockt, sondern lebe mein Leben wie jeden Tag.

Sonst hat sich in den letzten drei Jahren nicht viel geändert. Meine Mahlzeiten bestehen aus viel Gemüse mit einer Handvoll Protein in Form von Fleisch oder Eiern und viel Fetten wie Kokosöl, Avocado oder Butter.

Meine Einschränkungen durch die Krankheit gehen gegen Null. Ernährung und die dazugehörige Vorbereitung ist eine Einschränkung, die ich liebend gerne in Kauf nehmen, wenn ich mich dadurch fit fühle, täglich Sport machen kann, viel reise und als gut gelaunter Mensch durchs Leben gehe.

Ich würde mir wünschen, dass die möglichen Auswirkungen einer passenden Ernährung auf Krankheiten wie Morbus Crohn endlich einmal in der breiten Mitte ankommen.

Ich würde mir wünschen, dass die möglichen Auswirkungen einer passenden Ernährung auf Krankheiten wie Morbus Crohn endlich einmal in der breiten Mitte ankommen. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen. Wenn du als Betroffene/r aber erst einmal darüber Bescheid weisst, ist es an dir zu handeln. Niemand kann diesen Schritt für dich gehen!

Ist es nicht schlimmer, in dauernder Ungewissheit zu leben, was denn sein könnte, statt über deinen eigenen Schatten zu springen und für sechs Wochen stärker zu sein als deine Gelüste nach Zucker und Pasta? Nach dieser Zeit weisst du, wie dein Körper darauf reagiert. Ob die Ernährung, wie bei mir und vielen anderen, den Unterschied macht, nachdem du jahrelang gesucht hast. Und das ohne die Angst vor Nebenwirkungen. Denkst du nicht, das ist es wert?

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Ganz herzlichen Dank für deinen Erfahrungsbericht, lieber Lukas!
Wer die Website von Lukas besuchen möchte, kann oben auf das „Crohn Revolution“-Logo klicken.

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2 Kommentare

  1. Pingback: Aleksandra: Morbus Crohn – Food Movement

  2. Pingback: Auf unserem Radar #4 – Food Movement

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