HEALTHY FRIDAY // MOVE: Mein wichtigstes Yoga

Text: Aylin Karadayi, AYLA REAL HEALTH   
Foto: Manuel Rickenbacher
(Anmerkung von Petra Müller: In diesem Beitrag erzähle ich, wie ich Aylin kennengelernt habe)

Mein wichtigstes Yoga

Yoga bedeutet wörtlich „Zusammenbringen“ oder „Vereinen“.

Versteht man „Vereinen“ als einen nach innen gekehrten Prozess, so geht es vor allem um das Einswerden mit sich selbst, sprich das Integrieren von Körper, Geist und Seele. Fasst man „Vereinen“ hingegen als einen sozialen Prozess auf, so erhält Yoga eine verbindende Konnotation, quasi das Verbundensein mit allem, allen oder dem grösseren Ganzen.

In unserem Volksverständnis interpretieren wir Yoga oft als Asana (Körperübungen), denn alles, was physisch ist, anerkennen wir als real, alles, was nicht physisch manifest ist, müssen wir nun mal fühlen und dies fällt dem wissenschaftlich konditionierten Geist oft schwer.

Es gibt verschiedene Theorien, respektive Schulen, wie etwa die Veden, Upanishaden, die Baghavad Gita oder die Hatha Yoga Pradipika, die über diese alte indische Yoga Tradition Wissen vermitteln. Sie beschreiben von der physischen Form des Yoga, über die spirituelle bis hin zur energetischen Auslegung des Yoga alle mitunter eines der höchsten Ziele des Yoga, nämlich das Einswerden mit dem Bewusstsein.

Bezugnehmend auf eine sehr Philosophie-betonte Tradition des Yoga, nämlich die Yoga Sutras des Weisen Patanjali, (eine alte Schrift durch Patanjali verfasst ca. 2 – 5. Jh. vor Chr.), ist Yoga als ein achtfacher Pfad beschrieben, so genannt Asthanga Yoga. Hierzu möchte ich gerne einige meiner Gedanken und Auffassungen beschreiben.

Dieser achtpfache Pfad besteht aus den folgenden acht Grundpfeilern:
Yamas, Niyamas, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi.
Die Yamas beschreiben, wie man ein korrektes und liebevolles Sozialverhalten pflegen soll, während hingegen die Niyamas Anleitungen zu ordentlichen sowie persönlichen Gewohnheiten oder zu einem nach innen gekehrten rechten Weg geben. Asana sind die Körperübungen und Pranayama die Atemübungen, Pratyahara ist das nach innen richten der Sinne, Dharana der Fokus sowie die mentale Ausrichtung auf einen Punkt im Innern, Dhyana kann man als das Üben von Meditation beschreiben und Samadhi als das Einswerden mit dem innersten Punkt, dem Selbst, auch oft beschrieben als eine Form der Erleuchtung.

Wir beginnen im Yoga von der äussersten Schicht in die innerste oder von der äusseren Welt in die innere einzutauchen.

Theoretisch bestehen wir aus fünf so genannten Koshas (Schichten oder Hüllen). Diese sind Folgende: Annamaya Kosha (Physischer Körper), Pranamaya Kosha (Energiekörper), Manomaya Kosha (Informationskörper), Vijanamaya Kosha (Weisheitskörper) und Anandamaya Kosha (Glückseligkeitskörper).

Das klingt jetzt alles sehr abstrakt, aber man muss sich dies wie eine Zwiebel vorstellen: Aussen ist die dicke Schale, also der physische Körper, mit dem wir alles manifest wahrnehmen können, dann kommt eine feinere Schicht, der Energiekörper, mit dem wir alles erfassen, das nicht zwingend sichtbar ist, er dient als Brücke zwischen dem Körper und dem Geist. Dieser Schicht folgt eine weitere Schicht, nämlich der Informationskörper, der Informationen und Sinneseindrücke empfangen kann, aber auch Wesentliches von Unwesentlichem unterscheidet. Dem zugrunde wiederum liegt eine tiefere Schicht, der so genannte Weisheitskörper, auch als Intuition oder Bauchgefühl zu verstehen. Darunter liegt die letzte Schicht, der Seligkeitskörper, das wahre Selbst, der Kern, in Sanskrit Purusha genannt, das, was wir als die Kernessenz unseres Wesens verstehen.

Im Verlaufe unseres Lebens entfernen wir uns meist ungewollt von diesem innersten Kern, nähren die äusseren Hüllen und verlieren teilweise den Bezug zur Innenwelt. Dies ist wieder darauf zurückzuführen, dass wir in einer wissenschaftlich geprägten Weltansicht all das, was sichtbar ist, als real empfinden und all das, was subtil nicht erfassbar ist, zu verneinen lernen.

Entgegen der Definition von Yoga, die hier im Übrigen nur ganz rudimentär beschrieben wurde, gibt es und das ist ganz wichtig, die eigene Erfahrung, die man mit der Praxis macht, diese besteht jenseits von Form und Regel, diese ist rein individuell.

Die meisten Praktizierenden beginnen, sowie ich selbst auch, mit Asana, der bewegten Form von Yoga, den uns bekannten Yogaübungen. In vielerlei Hinsicht ist heutzutage sogar auch wissenschaftlich erwiesen, wie Yoga durchaus positive Auswirkungen auf den Körper, den Atem und sogar die Psyche haben kann. So praktiziert die Mehrheit der Yogis mit der Absicht, ihren Körper besser kennenzulernen, beweglicher zu werden und den Körper nachhaltig zu stärken oder zu gar zu heilen.

Unmerklich beginnt sich der Praktizierende aber auch mit sich selbst auseinanderzusetzen, denn die Matte steht symbolisch für das eigene Verhaltensfeld, dessen eigener Beobachter man während der Zeit des Praktizierens wird. Man beginnt dabei, das eigene Verhalten und die eigenen Strukturen sowie Tendenzen vorerst auf der Matte genau zu verstehen, und schleichend beginnt man dann wahrzunehmen, wie genau diese Stärke und diese Flexibilität, die man auf der Matte erlernte, in den Alltag Einzug hält.

Fragilität, Ruhe und Kraft aber auch Angst, Wut und Trauer geben sich im Alltag plötzlich klarer zu erkennen und der Yogi wird zum reflektierten Beobachter seiner Selbst. Weder geschieht dies von heute auf morgen, noch ist dies etwa ein linearer Prozess, der irgendwann gelöst ist. Es geht darum, dass man die Klarheit erwirbt, genauer hinzusehen, wie man sich verhält, was folglich zu einer tieferen Auseinandersetzung mit sich selbst führt und das ist die eigentliche Yoga Praxis.

Während also der Körper in Bewegung ist, wird der Geist tatsächlich ruhiger, die so genannten Wellen der Gedanken werden flacher und man taucht tiefer und ehrlicher in dieses Kernselbst ein.

Die weiteren Praxisformen, wie das dirigierte Atmen, Pranayama, sowie die tieferen Formen der inneren Praxis wie etwa Meditation, folgen mit der Zeit, da sich der Körper durch die Asanas dafür vorbereitet hat und sich der Geist konsequenterweise immer bewusster zur Ruhe setzen kann. Die Auseinandersetzung mit dem Selbst, sowie mit seiner Umwelt, intensiviert sich, je tiefer man in das Üben aller Yoga Praktiken eintaucht.

Yoga beginnt also bewusst auf der äussersten Schicht des Selbst und wird zusehends subtiler und feinstofflicher.

Lange Zeit erhoffte ich mir DIE Yoga Stunde zu besuchen, die bei mir DIE Erkenntnis und DAS Erlebnis hervorrufen sollte, doch rückblickend verstehe ich erst jetzt, dass Yoga ein Weg ist und keine situative Veränderung darstellen kann. Es gibt auf diesem Weg keine geschickte Abkürzung, es gibt einen Weg, den wir alle gehen und dieser zeigt sich uns erst, wenn wir uns auf diese Reise einlassen und die Erwartungshaltung an DIE perfekte Pose, an DAS bestimmte Gefühl oder DIE gewisse Einsicht in den Hintergrund stellen. Dabei wollen wir lernen, zum Beobachter zu werden, ganz geduldig, was uns allen schwerfällt, um irgendwann zu bemerken, wie sich eine schleichende Veränderung Schritt für Schritt entfaltet.

Seit meiner Kindheit war die Flucht aus meinem eigenen Körper oder das Dissoziieren immer ein vorherrschendes Thema, das mich Jahre der Aufarbeitung gekostet hat, denn das Leben hat mir Krebs als Aufgabe gegeben, durch welchen ich genau dieses Thema angehen sollte.

Yoga war da, wie ein Meer, in das ich eintauchen konnte, es war eigentlich bedingungslos, aber manchmal auch gnadenlos, denn der Weg ist nicht nur ein leichter, er ist unerbittlich, wenn man ihn ehrlich geht. Er kennt keine Geheimnisse, alles Wahre kommt ans Licht und die Veränderung wird zu einer Konstanten des Lebens.

Yoga lehrt mich immer wieder zu akzeptieren, dass das Leben in Wellen kommt und geschieht. Meine grösste Aufgabe ist es, zu verstehen, dass nichts bleibt und alles fliesst.

Also besteht meine persönliche Praxis darin, die Weichheit im Wesen, die Flexibilität im Geist und das Loslassen von rein materiellen Vorstellungen über das Leben zu üben. Das Ziel ist es, durch diese Wellen weniger zu brechen, stattdessen mit ihnen zu schwimmen. Es fällt mir immer wieder schwer, aber wir können uns unserer eigenen Realität nicht entziehen, wir können üben und vielleicht lernen damit umzugehen, wir sind Schüler und Lehrer zugleich, wir alle tragen beide Anteile in uns.

Was ich den wenigen Menschen in meinem Leben zurückgeben kann, ist zurzeit gerade den Mut zu haben, hinzusehen, sich mit sich selbst anzufreunden, auseinanderzusetzen und zu verstehen, dass wir nicht mit mehr Härte sondern mit mehr Weichheit dem Leben und unseren menschlichen Begegnungen sowie Lebensaufgaben gegenübertreten sollen. Ich verstehe Yoga aus all diesen Gründen immer wieder als eine individuelle, aber auch zugleich zutiefst soziale Angelegenheit.

Bewegt durch den Lehrer Simon Borge Olivier, der sich mit den Yamas und Niyamas beschäftigt, habe ich mir überlegt, was ist mein wichtigstes Yoga? Wie prägt es mich und wie bewege ich andere dadurch?

Da ich der Überzeugung bin, dass Yoga, wie eingangs erwähnt, zwei Richtungen von Wachstum und Entwicklung erlebt, nämlich nach innen wie auch nach aussen, habe ich meine persönliche Interpretation der Yamas und Niyamas wie folgt in Worte zu fassen erstrebt:

Yamas
Ahimsa: Mich selbst nicht mehr zu verachten, anderen zu vergeben und zu verstehen, dass jede schlechte Tat auf einen tiefen inneren Schmerz zurückzuführen ist.

Asteya: Mich nicht meiner Selbst zu entrauben und andere in ihrer Ganzheit zu sehen, ohne sie verändern zu wollen.

Aparigraha: Mich den Wellen des Lebens hinzugeben, da sie grösser sind als wir. Zu verstehen, dass nichts unverändert bleibt und dass das Festhalten an Statischem nicht zum Kampf werden darf.

Brahmacharya: Die ehrliche Verbindung zu den Menschen finden, die man liebt, sie als Ganzes zu sehen und dies über ihre äusseren Hüllen hinweg.

Satya: Mir selbst gegenüber ehrlich zu sein, authentisch zu sein und Kongruenz zu finden zwischen dem, was ich sage und tue. Einheit zu finden, zwischen der Person, die ich bin, wenn niemand zuschaut und derjenigen, die ich bin, wenn alle hinsehen.

Niyamas
Tapas: Die bedingungslose Hingabe zu allem, das ich tue, ein Feuer, das in mir brennt, das einer unglaublichen Freude gleichkommt.

Svadhaya: Die Auseinandersetzung mit mir selbst, meinen Kernthemen, meiner Lebensaufgabe und die Ehrlichkeit zu beweisen dorthin zu schauen, wo es am meisten schmerzt. Der Wunsch zu lernen und zu wachsen.

Sauca: Ein reines Herz zu besitzen und von diesem Ort zu handeln.

Santosa: Zufriedenheit, Dankbarkeit und eine innere Ruhe finden.

Ishvarapranidanh: Die Bescheidenheit besitzen um zu erkennen, dass wir einem grösseren Ganzen entspringen und damit verbunden sind.

Mehr Weichheit im Aussen und mehr Kernkraft im Innen, das ist mein derzeit wichtigstes Yoga.

Das Ziel wäre doch, dass unser Verhalten auf der Matte kongruent wird mit dem Verhalten, das wir jenseits der Matte pflegen.

Ich glaube an die Liebe, ich glaube an die Verbindung und Sozialität von Menschen, und wenn wir durch die ehrliche und unerbittliche Auseinandersetzung mit uns selbst einen minimalen Beitrag dazu leisten können, dass sich Menschen liebevoller, rücksichtsvoller und vor allem mit mehr Verantwortung verhalten können, dann bin ich glücklich.

Der Weg geht zuerst nach innen und von dort wieder nach aussen und daher ist Yoga eben ein Vereinen auf allen Ebenen. Wenn wir das Leben roh auf das Wesentliche herunterbrechen, dann geht es doch genau darum: Wie sehr haben wir geliebt?

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2 Kommentare

    • Petra Müller

      Herzlichen Dank, liebe Gabriela, wir sind auch überglücklich über diesen Beitrag. Wir leiten dein Feedback gerne an Aylin weiter.
      XXX Petra

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