Fiorina Springhetti: Projekt Familientisch

Text: Fiorina Springhetti
Fotos: Lukas Schnurrenberger, AVP Media Design
Einführungstext: Petra Müller

Fiorina Springhetti ist Food Movement-Mitglied der ersten Stunde. Das ist auch nicht sehr verwunderlich, denn sie steckt mitten in der Ausbildung als Ernährungsberaterin und schreibt auf ihrem Blog mamalltag über das Mutter sein, über möglichst ausgewogene (aber gerne immer einfache!) Ernährung mit Kindern und allerlei Themen, die sie grad so beschäftigen.

Ich freue mich immer über Fiorinas Blogbeiträge, auch wenn ich selbst keine Kinder habe. Aber ihr Schreibstil ist so süffig, dass ich praktisch jeden Text von ihr lese. Ausserdem macht Fiorina sehr schöne Fotos, schlicht, aber mit Stil – veritables Eye Candy.

Noch heute frage ich mich, weshalb ich so lange auf der Leitung stand und nicht früher auf die Idee kam, mit Fiorina Kontakt aufzunehmen und sie zu fragen, ob sie nicht vielleicht Interesse hätte, ab und zu einen Text für Food Movement zu schreiben. Und zwar genau über ihre Themen: Familie, Ernährung, Alltag mit Kindern. Das fehlt nämlich noch extrem!

Alle Mamis und Papis unter euch dürfen sich also freuen, hier ab und zu über Fiorinas Familientänze zu lesen, wie das so macht und sieht mit der Ernährung und wie man eine gesunde Variante für eine vierköpfige Familie unter einen Hut bekommt. In der Zwischenzeit folgt ihr Fiorina am besten gleich auf ihrem Blog mamalltag. Das ist quasi eine virtuelle Selbsthilfe-Insel für alle mehr oder weniger gestressten Mütter und Väter. Dort findet ihr auch leckere, einfache Rezepte.

Wir freuen uns auf jeden Fall sehr, Fiorina hier im Boot zu haben. Wer wie ich es kaum erwarten kann, sie persönlich kennenzulernen, darf gerne am Freitag, den 12. August 2016 ans HEALTHY FRIDAY-Picknick in Zürich kommen – sie wird auch dort sein.

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#kochtdochselber – oder wie man das Projekt „Familientisch“ optimiert

Man kann sich schon mal gut und gerne wie ein Zehnkämpfer vorkommen. Oder wie ein Hindernisläufer. „And the winner is…“ – tja, nicht ich, denkt sich da manch einer. Ich spreche vom Projekt Familientisch. Das beginnt beim Einkaufen, zieht sich durch die Kochzeit, beinhaltet Tisch- und Esskultur aller Beteiligten und endet mit dem freundlichen Warten, bis alle fertig sind und dem gemeinsamen Aufräumen. Sagte ich ja: ein Zehnkampf – für viele unter uns.

Oft läuft das Ganze nämlich so ab: die Diskussion, wer darf wo und warum im, um, am Einkaufswagen sitzen, hängen, turnen, stossen, bringt die Mama und den Papa bereits an den Rand des Wahnsinns. Den Griff des nie-aber-auch-nie-korrekt steuerbaren Einkaufswagens dann mal übernommen, fährt die gesamte Entourage Richtung Gemüse- und Früchteabteilung. Eine erneute Diskussion über Vorlieben und Geschmäcker beginnt.

Um den kleinsten Mitstreiter in der Runde mal schachmatt zu stellen, wird eifrig zum feinen Weggli gegriffen

Um den kleinsten Mitstreiter in der Runde mal schachmatt zu stellen, wird eifrig zum feinen Weggli gegriffen, um es zum sofortigen Verzehr anzubieten. Gottseidank steht da kurz nach dem Eingang auch immer diese tolle Brotauswahl mit all den farbigen Donuts, goldigen Weggli und glänzenden Schoggi-Brötchen (ich muss jetzt nicht erwähnen, wie ich das aus ernährungstechnischer Sicht sehe, oder?… eben!). Und wenn jetzt Mama und Papa nicht einen „Kamikaze-Schlachtplan-Einkaufszettel ohne wenn und aber“ konzipiert haben und ihr Gehör auf Durchzug stellen, passiert in den meisten Fällen das, was nun mal einfach passieren muss in Stresssituationen: Man kauft Sachen, die man nicht wollte oder die man nicht sollte.

Die Lebensmittelindustrie hat schon früh entdeckt, dass sich Produkte, die besonders kinderfreundlich, handlich und „mit vielen Vitaminen“ propagiert werden, wahnsinnig toll verkaufen lassen. Denn ist ja auch praktisch, all die tollen gesunden Kindersnacks so schnuselig verpackt und gleich zur Hand parat. Schnell einen Riegel da, kurz ein Fertigmüsli dort, dazu Fruchtjoghurts und Säfte und noch die schnell zubereiteten Beutel-Fertig-Saucen-Dinger – wie rasch man da doch eine Bratensauce oder eine crèmige Sahnesauce gekocht hat. Schubidu und trallala – ein Hoch auf Fast Food im Haushalt.

Ja, und da liegen sie jetzt, diese Lebensmittel, bereit zum Verzehr zu Hause. Aber weil ja der ganze Einkauf eine reine Nervensache war und man schon wieder viel zu spät dran ist, gibt man dem Gequengel im Auto nach (dieses begann übrigens schon beim Bezahlen an der Kasse, da verweigerte man nämlich allen Beteiligten einen Schoko-Riegel, man habe schliesslich schon die Schoko-Apfel-Getreideriegel gekauft). Alle erhalten den eben genannten Schoko-Apfel-Getreideriegel, um sich diesen im Auto einzuverleiben. Das Auto und alle Insassen plus dem Berg an Einkaufsgütern zu Hause angekommen, muss alles raus, wieder rein, rauf, versorgt und verstaut werden. Das Kochen hat noch gar nicht begonnen und man fühlt sich bereits durchgeschwitzt und ausgelaugt. Die Kinder wollen das und dies und die Mama und der Papa wollen einfach kochen – Mattscheibe an, Problem kurzfristig gelöst.

Kurzfristig, weil nämlich das Ausstellen des Fernsehers und an den Tisch bitten eine nächste Hürde darstellt. Ob jetzt der TV eine so gute Idee war, lässt sich hinterfragen, nach mehrmaligem Ermahnen sitzen dann aber alle am Tisch und… Und? Ja und jetzt kommt’s: Das Essen schmeckt nicht! Nicht? Nein! Kein Friede-Freude-Eierkuchen-Essen? Kein Ess-Erlebnis der wunderbaren Art? Nein! Ja und jetzt wären wir wieder beim Zehnkampf. Das scheint manchmal wirklich die einfachere Disziplin zu sein als das Projekt Familientisch. Scheint so – tatsächlich – muss aber nicht. Zumindest nicht immer. #kochtdochselber wird als Gefühl immer mal wieder aufkommen, aber man kann das Ganze auch anders angehen und tatsächlich eine Art von Friede-Freude-Eierkuchen am Tisch hinkriegen.

Der Weg zum Einkauf lässt sich ernährungstechnisch nicht optimieren. Familien sind Familien, Kinder sind Kinder, da lässt sich Lautstärke und Nervenkrieg nicht komplett eliminieren. Was man aber tun kann ist, bereits jetzt an Rituale und Regeln zu denken. Keine Diskussionen über Einkaufswagen-Sitzordnungen, die sollen immer gleich sein. Oder sich in logischer Reihenfolge immer abwechseln. Das ungesunde Weggli oder gar das Schoggi-Brötli wird gestrichen, denn beim Einkaufen wird nichts gegessen. Basta! Das tu nicht mal ich hier diskutieren, denn 1. noch nicht bezahlt 2. didaktisch nicht unterstützbar und 3. wie schon erwähnt: UNGESUND. Dass die Kinder beim Einkaufen motivierter sind, kann man ihnen den Auftrag geben, die einzukaufenden Gemüse und Früchte selber zu finden. Wer holt die Gurke? Wer findet die Birnen? Kinder lassen sich unglaublich leicht für etwas begeistern, und wenn sie sich als Mithilfen beim Einkauf sehen, dann nehmen sie schon dadurch teil am Essen, welches später aus all diesen Lebensmitteln gekocht wird.

Nicht falsch verstehen, auch meine zwei Kinder sind „nur“ Kinder und fragen natürlich vor dem Kühlregal: „Gell Mami, das kaufen wir nicht????!!!!????“ (das Fingerchen zeigt mit Grinsegesicht auf die Smarties-Joghurts). Ich antworte dann ganz sachgemäss: „Nein, das kaufen wir nicht, das hat viel zu viel Zucker drin.“ Ok, das leuchtet ein – werden sie wohl denken, denn wir haben keine weiterführenden Diskussionen. Dafür dürfen sie sich selber ihren ungesüssten Naturjoghurt aus dem Regal holen. Nicht nur verbieten, sondern anderes anbieten muss die Devise heissen.

Viel Spass haben die Kleinen auch, wenn sie Entscheidungskraft erhalten.

Viel Spass haben die Kleinen auch, wenn sie Entscheidungskraft erhalten. Sind doch im Alltag Mama und Papa zu 99% die bestimmenden Personen. Wollt ihr Spinat-Risotto machen oder lieber Gemüse-Risotto? Oder Tomaten-Risotto? Kinder lieben es, nach ihrer Meinung gefragt zu werden und dann auch tatsächlich bestimmen zu können. Und Mama und Papa tut diese Entscheidung ja nicht weh, vielmehr unterstützt sie das „Zusammen Essen und Kochen“. Und wer jetzt gleich denkt: Die hat ja Ideen, SPINAT-Risotto, S-P-I-N-A-T!!!!! Als Familiengericht?!? Ja, nicht immer gleich den Löffel hinwerfen. Lasst die Kinder die Lebensmittel zuerst kennenlernen, den Spinat gemeinsam mit uns schneiden oder hacken. Kinder müssen die Haptik fühlen, mal reinbeissen, riechen, schmecken. Sie wollen nicht einfach aufgetischt bekommen und dann Ja-und-Amen zu allem sagen. Mit solch einer Einstellung sind Streitereien am Tisch vorprogrammiert.

Und auch am Tisch gilt: Wer Regeln und Rituale aufstellt und konsequent durchsetzt, hat eine friedlichere Atmosphäre am Esstisch. Konsequent durchsetzen soll hier nicht heissen, dass man dogmatisch strikt keine Freiläufe gewähren soll.

Wenn mal Besuch da ist, mehrere Kinder am Tisch oder ein spezieller Anlass, da darf auch mal früher vom Tisch gegangen werden, bevor alle fertig sind. Oder man darf auch mal Fingerfood machen, und alles mit den Händen essen. Hier gilt es, den gesunden Menschenverstand (ja, den haben wir tatsächlich ALLE) walten zu lassen. Zurück zur konsequenten Tischregelung: Meiner Meinung nach wird sich richtig hingesetzt, nicht aufgestanden, anständig mit dem Besteck gegessen (klar, altersabhängig), alles probiert bevor es mit einem freundlichen „ich mag das nicht so gerne“ nicht gegessen werden muss und „wääähhh, gruuusig“ kommt nicht an den Tisch.

Einfache, aber logische Verhaltensregeln, die jeder einhalten kann.

Einfache, aber logische Verhaltensregeln, die jeder einhalten kann. Man wartet, bis alle fertig gegessen haben, erst dann wird aufgestanden und gemeinsam den Tisch verlassen. Denn einfach davonlaufen, gilt hier für Kinder wie auch für Erwachsene, ist schlichtweg unanständig. Das mag am Anfang etwas anstrengend in der Umsetzung sein, aber Kinder lieben Regeln und Rituale, die sich wiederholen. Das Testen der Grenzen ist nur dazu da, um sicher zu stellen, dass die von Mama und Papa aufgesetzten Regeln auch wirklich noch da sind. Das vermittelt Sicherheit und Rhythmus, Ordnung und Ruhe – auch was das Essen und den Familientisch anbelangt.

Für alle, die jetzt noch am Lesen sind und beim Spinat nicht schon den Bettel hingeschmissen haben und dachten, die redet nur Grünzeugs-Quatsch, wollen wir nochmals abschliessend über das #wiemachtmanesnicht und #soklappts sinnieren.

Egal, ob jetzt beim Vorbereiten der Rezepte, beim Einkaufen, beim Kochen oder Anrichten – der Schlüssel zum Projekt Familientisch ist das „Zusammen“. Involviert die Kinder in Entscheide, gibt ihnen Auswahl, sie sollen mitreden und mitdenken. Wer sich mit etwas beschäftigt, interessiert sich auch dafür. Die gesunde Küche kann nicht einfach mir-nichts-dir-nichts hingestellt werden, sie muss vorgestellt, eingeführt und kenngelernt werden. Und gleichzeitig müssen wir Eltern uns auch dafür motivieren können, kreativ und familiengerecht kochen zu wollen.

Kreativ heisst, warum nicht mal Süsskartoffel-Zucchetti-Taler zu braten und einen feinen Joghurt-Dip dazu servieren, als einfach nur Rösti mit brauner Sauce. Warum dem Risotto nicht eine geballte Ladung Randen untermischen als nur das Safran Pulver. Oder mal anstelle des altbekannten Kartoffel-Rahm-Gratin einfach mal rote Linsen als Auflauf versuchen.

Kinder in anderen Kulturen essen Lebensmittel wie Hülsenfrüchte und Pseudogetreide wie Quinoa und Buchweizen tagtäglich und verziehen dabei auch nicht die Gesichter. Es ist eine Gewohnheitssache und abhängig von der Art, wie wir selber als Vorbilder agieren und uns gut und gesund ernähren wollen. Und mit familientauglich meine ich, dass man simpel bleiben soll. Einfach ist auch gut – das sage ich oft und gerne. Die Zeit ist knapp, das Organisieren braucht Nerven und die Umsetzung wird durch viele allerliebste kleine Kinderhände öfters mal unterbrochen oder in die Länge gezogen.

Deswegen ist es umso wichtiger, die Gerichte einfach zu halten. Pfannen- oder Ofengerichte lassen sich toll zusammen vorbereiten und brauchen keine fünf Kochfelder inklusive Stabmixer, Dampfkochtopf und Elektroschwingbesen (gibt’s das überhaupt?!?). Dann bleibt auch die Zeit, die man für das „Zusammen“ einplanen muss übrig. Denn ja, ich weiss, „zusammen“ geht alles etwas langsamer, etwas ausschweifender und etwas aufwendiger. Aber es ist es wert, sich die Zeit zu nehmen, den Kindern das Gesunde vorzuleben. Sie schauen zu, imitieren, machen mit. Und genau das ist es doch, was wir wollen – dieses beinahe „Friede-Freude-Eierkuchen“ Essen.

Ehrlich gesagt klappt das natürlich nie im Leben jeden Tag

Ehrlich gesagt klappt das natürlich nie im Leben jeden Tag, da knutscht mich vorher ein Elch, oder ich melk eine Maus. Aber – ABER – es klappt mehr und mehr, häufiger und häufiger.

Portrait Fiorina Springhetti
Fiorina Springhetti, mamalltag

Ganz herzlichen Dank für diesen Text, liebe Fiorina!

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1 Kommentare

  1. Pingback: HEALTHY FRIDAY // Interview mit Fiorina von mamalltag – Food Movement

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