Männer, Kommunikation & Krankheit

Text & Foto: Petra Müller, Initiantin von FOOD MOVEMENT

Wie man sich täuschen kann.

Früher dachte ich, dass ich ziemlich gut kommuniziere. Bis ich das Buch von Peter Modler gelesen habe: Das Arroganzprinzip (man möge sich vor dem Titel nicht abschrecken lassen).

Vor 10 Jahren war ich in einer beruflichen Situation, in der ich mit einem Arbeitskollegen regelmässig zermürbende verbale Zusammenstösse hatte. Zufällig entdeckte ich zu dieser Zeit in einer Frauenzeitschrift einen Artikel über das Buch von Peter Modler. In diesem Buch erklärt uns der Autor die unterschiedlichen Kommunikationsarten von Frau und Mann, und wie wir Frauen uns gegen das Revier- und Gorilla-Gehabe bestimmter Männer wehren können. Modler zeigt erprobte Vorschläge, wie Frauen ihre Kommunikation gegenüber Männern ändern können, damit sie besser zum (beruflichen) Ziel kommen.

Ich habe das Buch sofort gekauft und verschlungen. Und ich habe Modlers Tipps bei meinem Arbeitskollegen angewendet. Es klappte vorzüglich! Die anstrengenden Auseinandersetzungen waren Geschichte, und er frass mir praktisch aus der Hand (auch wenn sich diese Art von Kommunikation noch ganz neu und etwas unnatürlich für mich anfühlte).

Was ich nach der Lektüre dieses Buches nachhaltig gelernt habe: Wenn ich klarer kommuniziere, kommt meine Botschaft besser an, und ich kann ich mich – sofern nötig – besser durchsetzen. Ich habe erfahren, dass ich mich dabei besser nicht auf meine Intuition verlassen sollte.

Dass dieses neue Wissen innerhalb der Jahre weite Kreise in meinem Leben ziehen und ungeahnte Dimensionen annehmen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht. Denn grundsätzlich geht es in Arroganzprinzip um die Kommunikation zwischen Frauen und Männern im Berufsleben. Diese Art von Kommunikation hat aber auch mein Privatleben verändert.

Wie man eine Fremdsprache erlernen kann, kann man auch lernen, anders mit Männern zu kommunizieren. Ich finde, dass sich das lohnt, denn: Erstens habe ich beruflich wie privat mit Männern zu tun, und zweitens lebe ich mit einem Mann zusammen.

Für Konfliktsituationen gibt Modler der Leserin ein hilfreiches Modell mit auf den Weg. Dieses Modell ist dreistufig und der Reihe nach anzuwenden.

Bei einem Konflikt mit einem Mann hilft als erstes non-verbale Kommunikation, also Veränderung der Haltung, des Blicks, einfache Gesten, Schweigen (!), Mimik, Veränderung der räumlichen Distanz.

Die zweite Stufe nennt Modler Small Talk: Persönliche, aber unsachliche Äusserungen, Auswalzen von Nebensächlichkeiten («schönes Wetter heute»).

Und erst die dritte Stufe ist der sogenannte High Talk: Argumente, Begründungen, sachliches Nachfragen und Diskussion, akademisches oder fachliches Niveau.

Nochmals: Das ist die Reihenfolge für Konfliktsituationen, nicht für den Alltag. Aber Hand aufs Herz: Wer von euch macht das genau umgekehrt? Quasi mit der Tür ins Haus, also zuerst begründen, argumentieren und diskutieren? Ich zumindest machte das. Modler erzählt zudem von spannenden Beispielen aus Workshops, die er mit Frauen und Männern durchgeführt hat. Einige davon sind mir auch nach 10 Jahren immer noch im Gedächtnis geblieben.

Was ich inzwischen weiss und erlebe: Männer schätzen kurze, wenige Sätze und vor allem Klartext. Viele Frauen können aber wunderbar stundenlang rumeiern und um den heissen Brei reden. Oder sie hoffen und wünschen sich, dass Männer, sei es beruflich oder privat, ihre Wünsche wahrnehmen, spüren oder, noch besser, von ihren Augen ablesen können. Forget it.

Interessant ist, dass ich klare, kurze und direkte Kommunikation inzwischen selber schätze. Zuallererst natürlich, weil ich schneller zum Ziel komme. Gleichzeitig habe ich mit den Jahren gelernt, dass ich möglichst genau wissen muss, was ich will (und was ich nicht will). Und dass ich das nicht nur kommunizieren sollte, sondern muss, wenn ich ein angenehmes Zusammenleben/-arbeiten mit meinen männlichen Mitmenschen schätze.

Das heisst natürlich nicht, dass man alles ungefiltert gerade heraus sagen soll. Für mich heisst das, dass ich mir Zeit nehmen sollte, mir zu überlegen, was ich mitteilen möchte. Erst denken, dann sprechen (klappt natürlich nicht immer).

Eingangs habe ich erwähnt, dass diese Art von Kommunikation Einzug gehalten hat in Dimensionen, die ich nicht erwartet hätte. Einen positiven Nebeneffekt hat dieses Buch nämlich sogar im Zusammenhang mit meiner Krankheit.

Mit einer chronischen Krankheit ist es manchmal wichtig, andere um Hilfe zu bitten. Ich sollte nicht warten, bis mein Mann merkt, wie sich meine Möglichkeiten und Bedürfnisse verändern. Oder dass mein Arbeitskollege wundersamerweise sofort erkennt, dass ich mich nicht vom Ausräumen der Büro-Geschirrspülmaschine drücke, sondern es schlicht nicht kann zurzeit.

Wenn ich Schmerzen habe, muss ich lernen klar mitzuteilen, welche Hilfe ich brauche. Sei es beim Tragen von schweren Gegenständen oder dass mir jemand die Pneus von meinem Velo pumpt. Ich muss mitteilen, dass ich nicht mehr so gut im Haushalt mithelfen kann wie früher und bis auf weiteres nicht staubsagen kann. Klartext ist für beide Seiten viel angenehmer als Wischiwaschi-Kommunikation oder unangenehme Erwartungshaltungen. Und wisst ihr, was ich erlebe, wenn ich um Hilfe bitte? Alle helfen sehr gerne!

Was ich mir seit der Lektüre von Arroganzprinzip zudem anzutrainieren versuche ist, manchmal auch einfach den Mund zu halten. Vor allem, wenn ich nicht richtig Bescheid weiss, mein Gegenüber Unangebrachtes sagt oder ich schlicht und einfach überlegen muss, ob und was ich zu sagen habe. Oft sagt mein Vis-à-vis nach einer Pause meinerseits Dinge, die weiterführen. Das mit dem Schweigen gelingt mir natürlich überhaupt nicht immer, aber immer öfter.

Hilfreich sind auch die sogenannten Kommunikationsmaximen. Die gehen so:

Kommuniziere genauso informativ, wie es für den Zweck nötig ist.
Gib nicht zu viel und nicht zu wenig Information.

Versuche zu sagen, was wahr ist.
Sage nichts, wofür du keine hinreichenden Anhaltspunkte hast.

Bleib beim Thema.
Sage nichts, was nicht zum Thema gehört.

Sei klar
Sei eindeutig
Sei prägnant (vermeide unnötige Weitschweifigkeit)
Sei geordnet

Auch bei meinen Gesprächen mit Ärzten hilft es mir, klar zu sagen, wenn ich etwas nicht verstehe. Zum Beispiel wenn es um ein neues Medikament, eine Therapieart, Blutfaktoren oder den weiteren Weg geht, den ein Arzt mir vorschlägt. Wenn wir zum Arzt gehen, beanspruchen wir eine Dienstleistung, die wir bezahlen. Wir haben das Recht, gut beraten zu werden. Ansonsten dürfen wir das freundlich und sachlich ansprechen.

Beim Gespräch mit Frauen mache ich oft die Erfahrung, dass viele nicht sagen können oder mögen, was sie wirklich wollen. Oft wissen sie es nicht einmal selbst. Das kann man aber lernen. Und das Buch von Modler hat dafür ein paar sehr gute Vorschläge.

Womöglich denkt jetzt die eine oder andere unter euch: Was jetzt? Weshalb soll ICH meine Kommunikation ändern? Der Mann kann ja auch überlegen, wie er was sagt. Das stimmt. Aber wenn ich so plausible Tipps bekomme, die mir die Kommunikation erleichtern, dann nehme ich in Kauf, dass ich diejenige bin, die meine Kommunikation überdenkt. Wir sollen ja bekanntlich das ändern, was in unserer Macht liegt.

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Hier geht es zum Buch:
http://www.drmodler.de/buecher/das-arroganz-prinzip/

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